Galerie






Lateinamerikanische Kunst in Europa?


Eigenständige Impulse, die von lateinamerikanischer Kunst auszugehen vermögen, können in viel stärkerem Maße auch die hiesige Kunstentwicklung befruchten, wenn es gelingt, einen interkulturellen Dialog zu initiieren und zu intensivieren, der die bisher dominante Einseitigkeit der Beeinflussung von Europa nach Lateinamerika im Sinne einer echten und gleichberechtigten Gegenseitigkeit aufhebt. Damit soll Lateinamerika herausgehoben werden aus der einseitigen Fixierung auf das Bild des unterentwickelten und krisengeschüttelten Kontinents, und es soll das kreative Potential offen gelegt werden, welches dieser Kontinent auch in sich birgt. In einer historischen Situation zunehmender Globalisierung der Weltgemeinschaft kommt der Kultur eine eminent wichtige und wachsende Bedeutung zu, u.a. wenn es gilt, einer fortgesetzten Peripherisierung Lateinamerikas entgegenzuwirken.

Lateinamerikanische Kunst hat seit dem Aufkommen eines avantgardistischen Geistes in den 20-er Jahren - mit Diego Rivera in Mexiko, mit Tarsilo do Armaral und Lasar Segall in Brasilien, mit Alejandro Xul Solar in Argentinien - und später, in den 30-er/ 40-er Jahren, mit den mexikanischen Muralisten (neben Rivera Orozco und Sigueiros) oder mit den Surrealisten Roberto Matta aus Chile und Wifredo Lam aus Kuba sowie vielen anderen den Anschluß an die globale Kunstentwicklung und an die internationale künstlerische Avantgarde geschafft; die genannten Namen stehen für eine Kunst, die den Spitzenleistungen der westeuropäischen und nordamerikanischen Moderne durchaus ebenbürtig ist.

Dabei ist es richtig, daß fast alle diese Künstler - meist über lange Aufenthalte in Frankreich, Deutschland oder Italien, später auch in den USA - stark von der westeuropäischen bzw. nordamerikanischen Moderne inspiriert wurden, deren Diskurse und Erkenntnisse sie studierten und deren neue Formprinzipien sie in ihre eigene künstlerische Arbeit aufnahmen.Daraus sind z.T. großartige kreative Weiterentwicklungen und sehr individuelle, eigenwillige Schöpfungen entstanden.

Viele Lateinamerikaner nahmen aktiv an den Diskursen der internationalen Avantgarde teil und beeinflußten diese und ihre künstlerische Arbeit maßgeblich. als Beispiel sei hier nur der allseits bekannte nordamerikanische Künstler Jackson Pollock genannt, der in seinem Schaffen wesentlich von zwei Lateinamerikanern inspiriert worden ist: von dem Mexikaner Siqueiros und dem Chilenen Matta. Diese Hintergründe und Fakten allerdings sind weniger bekannt - so wie bei uns die o.G. lateinamerikanischen Namen neben denen der westeuropäischen und nordamerikanischen Stars der Avantgarde weitgehend verblassen, wenn sie nicht gänzlich unbekannt sind. Dies trifft nicht nur für die inzwischen als klassisch bezeichnete Moderne zu, sondern auch auf die Gegenwartskunst.

Der Berliner Kunsthistoriker Gerhard Haupt macht hierfür den Mythos einer Führerrolle der abendländischen Zivilisation gegenüber dem Rest der Welt verantwortlich. So sei das hiesige Kunstverständnis kaum bereit, Kunstäußerungen aus den vermeintlichen kulturellen Randzonen als gleichwertig anzuerkennen und mit ihnen in einen Dialog zu treten. Statt sich auf einen gleichberechtigten Austausch mit ihnen einzulassen, wird - wenn man sie tatsächlich zur Kenntnis nimmt - deren Integration, d.h. ihre Unterordnung erwartet. In der Regel wird diese Kunst jedoch schlichtweg übersehen.

Lilian Llanes, die Kuratorin der Biennale von Havanna, sagt: "Natürlich bewegen sich unsere Länder in einem wirtschaftlichen Rahmen, in dem von Armut bis Misere alles vertreten ist, aber ihre geistigen Produktionen beweisen einen Reichtum, der einer weniger abfälligen, einen respektvolleren Blick verdient hätte, als er ihm manchmal zuteil wird."

Barbara Töpper-Fennel, Galerie Barsikow






zurück