La Cerbatana

Text und Webdesign: Stefan Engwald
Fotos (wenn nicht anders gekennzeichnet): Stefan Engwald


Milliarden von Dollar werden aufgewendet, um fremde Intelligenzen im Weltall aufzuspüren. Verschwindend geringe Summen benutzt die Menschheit, um die Artenvielfalt der Erde zu erforschen und zu erhalten.
Die wohl vielfältigsten terrestrischen Lebensräume der Erde sind tropische Nebelwälder. Ihre Ökologie blieb bisher weitgehend in dem Nebel verborgen, der ihnen ihren Namen verlieh. Und was wissen wir schon von dem Bereich der Tropenwälder, aus dem unsere Vorfahren einst herabgestiegen sind: den Baumkronen.
Biologen der Bonner Universität begaben sich auf eine Reise in den venezolanischen Küstennebelwald und vermitteln hier Einblicke in seinen faszinierenden Pflanzen- und Tierreichtum.

Baumhäuser der Tivitivas Der berühmt-berüchtigte und noch dazu englische Kaperkapitain Sir Walter Raleigh berichtete schon 1596 von der merkwürdigen Volksgruppe der Tivitivas oder auch Guaraos an der Nordostküste Venezuelas. Er wunderte sich über ihre Gewohnheit, ihre Behausungen in Baumkronen zu errichten. Vielleicht wäre er bei ihnen geblieben und auf die Bäume gegangen, hätte er sein späteres Schiksal erahnt: auf seinen waghalsigen Entdeckungsfahrten zu den Quellen des Orinoko auf der Suche nach dem Goldland (El Dorado) verlor er neben seinem Sohn auch fast seine gesamte Besatzung und fristete 20 Jahre im Tower als Gefangener der englischen Königin.
Die neben stehende Darstellung der Trivitivas stammt von Theodor de Bry (1612).

Venezuela, dieses Land löst unterschiedliche Assoziationen aus: zwar ist das Land kein Geheimtip mehr, aber es ist noch weit davon entfernt ein Modereiseland zu sein. Die einen verbinden mit ihm den typischen Karibikpauschalurlaub: zwei Wochen lang bierdunstgeschwängertes Herumlungern an menschenleeren, dafür mit Kokospalmen übervölkerten Stränden auf der Isla Magarita. Die anderen denken an die letzten Abenteuer der Zivilisation: sie steigen wohlorganisiert in die Gummistiefel, kämpfen sich durch die vermeintlich grüne Hölle des Dschungels oder preschen in Motorbooten durch Mangrovensümpfe auf der Suche nach ... , ja nach was eigentlich?

Was Venezuela auch immer sein mag ("tierra de gracia", wie es Kolumbus bezeichnete - frei übersetzt mit "Land der Erlösung" - oder das ehemals reichste südamerikanisches Land, nun auf dem Weg ins soziale und wirtschaftliche Chaos, gebeutelt von Naturkatastrophen und Korruption), in jedem Fall verdient es das Interesse einer breiten Öffentlichkeit. Trotz oder gerade aufgrund der aktuellen, politisch unsicheren Situation sollten die Bemühungen seiner Bevölkerung um Schutz und nachhaltige Nutzung ihres Naturerbes aus vollen Kräften unterstützt werden. Genau dies ist die Absicht der Europäisch-Karibischen-Gesellschaft und der Fundación Thomas Merle in Venezuela. Durch die Einrichtung eines Naturlehrpfades in einem verbliebenen Rest des Küstennebelwaldes auf der Halbinsel Paria, nahe der Stadt Carúpano, sollen Reisende und lokale Bevölkerung auf den besonderen Wert ihres Waldes aufmerksam gemacht werden.

La Cerbatana im NebelUnsere Aufgabe war es, einige Vorarbeiten zu diesem Projekt zu leisten: den Weg des Lehrpfades erneut zu vermessen, Themenstation auszuwählen, ein vorläufiges Pflanzeninventar zu erstellen sowie die Amphibien- und Reptilienfauna zu untersuchen.

Schild La Cerbatana"La Cerbatana" war das Zauberwort, dass uns der heimatlich-hektischen Geschäftigkeit im März des Jahres 2000 entriss und uns in die Abgeschiedenheit eines venezolanischen Küstennebelwaldes brachte. Hinter dem Wörtchen "uns" verbergen sich Dr. Stefan Engwald (Biologe am Botanischen Institut der Uni Bonn) und die Biologiestudentinnen Alexandra Hostert, Tanja Otto, Cordelia Hauf (von ihr stammen einige der Fotos dieser Webseite, wie z. B. hier links oben) und Verena Banning. Unersetzliche Hilfe fanden wir dabei vor Ort von Pedro Molina (Student der Agrarwissenschaften an der Universidad del Oriente, Cumaná) und von Sr. Sixto, einem Bauern der Nachbarschaft. Er kennt den Wald wie kein anderer und ist als Heilpflanzenexperte in seiner Heimat bekannt.

Eine allgemeine Beschreibung des Waldes und des geplanten Naturlehrpfades findet sich auf der EKG - Seite über Paria !

Schutzhütte GPS-Messung
Das Refugio (Schutzhütte) der Fundación Thomas Merle war mehrere Wochen lang unser Zuhause während der Arbeiten in La Cerbatana. Es bot uns alle erdenklichen Annehmlichkeiten: Hängematten, Strom, Skorpione, einen von Pedro selbstgebauten Pflanzentrockner zum Trocknen von nassen Socken, eine Banananpflanzung hinterm Haus und vieles mehr.

A. Hostert, T. Otto und C. Hauf (Foto rechts, von links nach rechts) bestimmen die Koordinaten der Längen- und Breitengrade mit Hilfe eines Global Positioning System (GPS). Der Trimble Explorer empfängt mit Hilfe einer Antenne Satellitensignale und ermittelt die absolute geographische Position auf den Meter genau.


Im Folgenden werden die einzelnen Stationen des geplanten Lehrpfades mit Bildern und kurzen Beschreibungen auf eigenen Webseiten vorgestellt !

1. Station des Naturlehrpfads: Eingeführte Pflanzen - Waldnutzung - Sekundärwälder
2. Station des Naturlehrpfads: Aufsitzerpflanzen - Die "Kronjuwelen" des Waldes
3. Station des Naturlehrpfads: Verlassene Plantagen - "Heliconienschlucht"
4. Station des Naturlehrpfads: Heilpflanzen wachsen am Weg
5. Station des Naturlehrpfads: Der unberührte Nebelwald - Leben in den Baumkronen
6. Station des Naturlehrpfads: Die Gipfelvegetation des La Cerbatana

Reptilien und Amphibien von La Cerbatana

Beide Laubfrösche sind nur wenige Zentimeter groß. Der Frosch auf dem rechten Bild sondert eine orangefarbene, wahrscheinlich giftige Flüssigkeit ab, wenn er in Bedrängnis kommt. Sitzt er auf dem Boden im Laub, ist er durch seine Tarntracht kaum zu erkennen.

Eidechse Eidechse2

Neben Fröschen interessierten uns auch Eidechsen. Die Anolis-Art auf dem linken Foto wartet noch auf die korrekte Bestimmung. Ebenso die salamanderartige Eidechse rechts, die nur wenige Zentimeter lang war.

Am vorletzten Tag fanden wir (oder vielmehr der Hund von Sr. Sixto) ein Exemplar der wohl gefährlichsten Schlange der Region: die Lanzenotter Bothrops atrox. Bothrops atroxIhre zierliche Gestalt und geringe Körpergröße täuscht tödlich, sie zählt zu den giftigsten Schlangen Südamerikas. Das Gift der Mapanare (lokaler Name der reizenden, kleinen Kreatur) wirkt proteolytisch: die Blutgerinnung wird verhindert und rote Blutkörperchen werden zerstört. Die Folge sind in "harmlosen" Fällen bösartige Nekrosen, die in der Regel Amputationen der betroffenen Gliedmaßen zur Folge haben. Wird der Biss nicht behandelt tritt normalerweise nach 12 Stunden der Tod ein. Die Lanzenottern sind nachtaktive Tiere, die sich von kleinen Wirbeltieren ernähren.
Im rechten Foto sieht man deutlich die gefährlichen Giftzähne.

Giftzähne der Lanzenotter
Chironius carinatus - Sipo
Chironius carinatus

Die hübsche Schlange, die uns V. Banning hier präsentiert, ist Gott sei Dank vollkommen harmlos - zumindest für uns Menschen. Sie gehört zur Gattung Chironius (wahrscheinlich Chironius carinatus, deutscher Name Sipo). Diese schlängelnde Schönheit ist tagaktiv und lebt von Fröschen, Vögeln und kleinen Säugern, die sie am Boden oder auch im Astwerk erbeutet. Bei Gefahr reagiert sie sehr aggressiv und attakiert auch größere Angreifer. Foto rechts oben: C. Hauf


"Szenen aus dem Alltag eines Forscherlebens"
Wohnzimmer Cucaracha

Das Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer des Refugio wurde nicht nur von uns bewohnt. Häufig bekamen wir Gäste, wie zierliche Küchenschaben (Foto oben rechts: C. Hauf)).

Gegen die Schmerzen eines Skorpionsstiches half nur das freundliche Eingreifen von Señor Sixto, der an Cordelia Hauf seine Künste als Heiler bewies.

Heilung von Skorpionsstich
Skorpion

Literaturauswahl:

Information über Paria und auch die Fundación Thomas Merle:

  • MANARA, Bruno, 1996: Paria - en el tiempo y en el corazon - Guia para el turista ecológico.- Fundación Thomas Merle, Carúpano: 132 S.

Zur Biologie Venezuelas (nur eine beschränkte Auswahl):

  • DUNSTERVILLE, G.C.K., 1987: Venezuelan Orchids.- Armitano Editores, Caracas.
  • ENGWALD, S., 1999: Diversität und Ökologie der Epiphyten eines Berg- und eines Tieflandregenwaldes in Venezuela.- Libri-Books on Demand, Norderstedt: 390 S.
  • GREMONE, C., CERVIGÓN, F., GORZULA, S., MEDINA, G. & D. NOVOA, 1984: Fauna de Venezuela, Vertebrados.- Editorial Biósfera, Caracas.
  • LANCINI, A.R. & P.M. KORNACKER, 1989: Die Schlangen von Venezuela.- Verlag Armitano Editores, Caracas.
  • OLIVA ESTEVA, F. & J.A. STEYERMARK, 1987: Las Bromeliaceaes de Venezuela.- Armitano Editores, Caracas.
  • PHELPS JR., W.H. & R. MEYER DE SCHAUENSEE, 1994: Una guia de las aves de Venezuela.- Princeton University Press, Caracas.
  • STEYERMARK, J.A. & O. HUBER, 1978: Flora del Avila.- Sociedad Venezolana de Ciencias Naturales, MARNR, Caracas.
  • STEYERMARK, J.A., BERRY, P.E. & B.K. HOLST (Eds.), 1995-1997: Flora of the Venezuelan Guayana, Vol. I - IV.- Timber Press, Portland, Oregon.
  • VARESCHI, V., 1980: Vegetationsökologie der Tropen.- Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart.

Danksagung

Wir danken ...

... der Europäisch-Karibischen-Gesellschaft e.V. für den Anstoß zum Projekt und die Organisation im Vorfeld der Arbeiten.

... der Fundación Thomas Merle für die exzellente Betreuung, die Organisation und die Logistik vor Ort. Unserer besonder Dank gilt hier Herrn Wilfried Merle, dem Vorsitzenden der Stiftung sowie Frau Irmgard Knab (Mitarbeiterin der Fundación).

... dem DAAD (Deutscher Akademischer Ausstauschdienst) für die finanzielle Unterstützung der Studentinnen.

... dem Botanischen Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, insbesondere Herrn Prof. Dr. Wilhelm Barthlott, für die administrative und finanzielle Unterstützung des Forschungsaufenthaltes.

... Herrn Dipl. Ing. Oscar Sánchez Bischoff (Caracas), Präsident der Firma Servi Teodolitos, für technische Hilfeleistungen und die Bereitstellung der GPS-Korrekturdaten.

... dem Institut für Landschaftsökologie und Naturschutz Singen für die Leihgabe des Geo-Explorer GPS-Messgerätes.





zurück